{"id":17671,"date":"2024-02-26T12:46:43","date_gmt":"2024-02-26T12:46:43","guid":{"rendered":"https:\/\/hgw.bayern\/?p=17671"},"modified":"2024-02-26T12:46:43","modified_gmt":"2024-02-26T12:46:43","slug":"besuch-aus-afghanistan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hgw.bayern\/?p=17671","title":{"rendered":"Besuch aus Afghanistan"},"content":{"rendered":"<p>Die Klasse 7B erhielt im Rahmen des Geographie-Unterrichts die Gelegenheit, Arif H., einen Asylbewerber aus Afghanistan, &#8222;live&#8220; kennenzulernen. Der 26j\u00e4hrige, der in Pakistan Informatik studiert hatte, nahm sich eine Stunde lang Zeit, \u00fcber sich und sein Land zu erz\u00e4hlen sowie Fragen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zu beantworten. Da im Gegensatz zu ihm in seiner Heimat rund 63% der Menschen Analphabeten sind, geh\u00f6rte er gewisserma\u00dfen zu einer privilegierten Gruppe. Nach dem Abschluss seines Studiums in Pakistan arbeitete er &#8211; vor der Macht\u00fcbernahme durch die Taliban im Jahr 2021 &#8211; sogar f\u00fcr die Regierung seines Landes und gr\u00fcndete eine Software-Firma, die bis zu 40 Mitarbeiter besch\u00e4ftigte. Doch alles \u00e4nderte sich schlagartig, als die Taliban die Regierung gewaltsam \u00fcbernahmen: Arif geh\u00f6rt einer anderen Volksgruppe an als die Taliban, die sofort in Ungnade fiel. Als Mitarbeiter der Vorg\u00e4nger-Regierung stand er zus\u00e4tzlich auf der Abschussliste. Hinzu kam, dass er nicht Muslim ist, wof\u00fcr man in Afghanistan mit der Todesstrafe bedroht wird. Viele sehr gewichtige Gr\u00fcnde also, so schnell wie m\u00f6glich das Land zu verlassen.<\/p>\n<p>Arif landete in Wolnzach und wohnte einige Monate zusammen mit dutzenden weiteren Fl\u00fcchtlingen in der Siegelhalle. In dieser Sammelunterkunft gibt es keine Privatsph\u00e4re. Durch das Besch\u00e4ftigungsverbot ist es langweilig. Deutschstunden wurden monatelang nur durch wenige freiwillige Helfer angeboten.<\/p>\n<p>Aber Arif beklagt sich nicht. Er wurde inzwischen als Fl\u00fcchtling anerkannt und darf jetzt arbeiten. Sein Deutsch verbessert er flei\u00dfig, er hat eine kleine Wohnung gefunden und sucht nun nach einem passenden Job. Der Klasse berichtet er, dass viele Arbeitgeber skeptisch sind, ob seine Informatik-Kenntnisse vergleichbar sind mit denen deutscher Absolventen &#8211; Abschl\u00fcsse asiatischer Universit\u00e4ten werden hier oft nicht anerkannt, obwohl seine Uni nach dem Lehrplan der Universit\u00e4t Oxford unterrichtete.<\/p>\n<p>Auch wenn er erst ein Jahr hier ist, empfindet er Deutschland schon als seine Heimat und lehnte sogar ein Angebot ab, zu einem Freund in die USA zu ziehen. Von einer Sch\u00fclerin gefragt, was sein gr\u00f6\u00dfter &#8222;Kulturschock&#8220; hier war, fiel es ihm schwer, nur einen Aspekt herauszugreifen, da so vieles hier sehr unterschiedlich sei. Dass er vor einer siebten Klasse stehe, in der M\u00e4dchen und Jungen sitzen, sei ein Beispiel: In Afghanistan gebe es nur getrennte Schulen f\u00fcr Jungen und M\u00e4dchen. Seit 2021 d\u00fcrfen M\u00e4dchen nur noch bis zur 6. Klasse die Schule besuchen. Frauen und M\u00e4dchen d\u00fcrfen sich in der \u00d6ffentlichkeit nur noch verschleiert zeigen und nicht ohne m\u00e4nnliche Begleitung das Haus verlassen. In vielen nicht-staatlichen Einrichtungen wie Krankenh\u00e4usern d\u00fcrfen sie nicht mehr arbeiten, was zu gro\u00dfen Problemen nicht nur bei der Gesundheitsversorgung gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Arif berichtete der Klasse in gutem Englisch und zeigte sich sehr erfreut \u00fcber das Interesse und das Wissen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. F\u00fcr die meisten war es der erste direkte Kontakt mit einem Asylbewerber, was sehr wichtig ist, da zwar viel \u00fcber diese Gruppe geprochen wird, wovon nicht alles der Wahrheit entspricht, aber selten mit ihr. So konnte dieser Besuch einen kleinen Beitrag leisten zur V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung und zu Toleranz gegen\u00fcber Immigranten, ganz im Sinne des Schulmottos &#8222;Schule ohne Rassismus&#8220; (SoR).<\/p>\n<p>Text und Foto: M Lohr<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Klasse 7B erhielt im Rahmen des Geographie-Unterrichts die Gelegenheit, Arif H., einen Asylbewerber aus Afghanistan, &#8222;live&#8220; kennenzulernen. 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